Wenn die WG mehr als eine Wohngemeinschaft ist

Leona, Clemens, Lemmy und Pitt wollen das Zusammenleben nicht mehr missen

Zahlreiche Postkarten im Flur, ein Kühlschrank voller Sticker und die Küche als „Wohnzimmer“: Die Wohnung von Lenny, Clemens, Leona und Pitt hat klassische WG-Merkmale, geht aber deutlich über eine reine Wohngemeinschaft hinaus, wie FIETE bei einer Stippvisite feststellte.

Gewiss: Für den einen oder anderen Studenten ist eine Wohngemeinschaft eine gute Möglichkeit, während der Zeit an der Universität kostengünstig zu wohnen – gerade in Zeiten stetig steigender Mieten. Nicht mehr und nicht weniger. Je höher die Anzahl der Bewohner, desto geringer der jeweilige Anteil des Einzelnen an der Zahlung von Gesamtmiete, Strom-, Wasser- und Internetkosten. So zahlen auch die Kieler Lenny, Clemens, Leona und Pitt je nach Zimmergröße lediglich zwischen 205 und 280 Euro monatlich pro Person für ihre gemeinsame Wohnung im Westring 275 – ein echtes Schnäppchen. Doch dass die Vier keineswegs aus rein finanziellen Gründen in dieser WG wohnen, wird bereits nach wenigen Minuten in der gemütlichen Küche, die wie in so vielen Studentenbuden als eine Art Wohnzimmer-Ersatz fungiert, deutlich. Das Quartett ist ein eingespieltes Team, das nicht nur gemeinsam wohnt, sondern eben auch viel zusammen unternimmt. „Letztens waren wir zum Beispiel alle spontan auf einem Konzert“, erzählt Pitt. Zudem seien sie im Sommer oft abends noch mit dem Fahrrad an den Strand gefahren, ergänzt der Erzieher, der 2016 im Westring einzog, und nennt damit einen der großen Vorteile des WG-Lebens: Irgendjemand will zu einem Konzert, einer Party oder was auch immer – und als Mitbewohner schließt man sich kurzfristig an. Anders gesagt: In einer gemeinsamen Wohnung ist immer was los! Auch die vier „Westringer“ können von regelmäßigem, kollektivem „Tatort“-Schauen, gemeinsamen Kochabenden oder auch spontanen Küchenpartys an einem Dienstagabend berichten.

Die legendäre „275“: Seit Jahren wird sie von Studenten bewohnt


Generell ist das große Gebäude in der Nähe des Professor-Peters-Platzes als klassisches Studentenhaus bekannt, was schon ein Blick auf die Klingelschilder verrät: Dort gibt es eigentlich keines, auf dem nur ein oder zwei Namen stehen. Während in anderen Mietshäusern, in denen mehrere Parteien wohnen, oft an den Nachbarn vorbeigelebt wird, ist hier das Gegenteil der Fall. Die Bewohner des Hauses sind in einer Facebook-Gruppe vernetzt, veranstalten Grillabende im Hinterhof und machen sogar ein Mal im Jahr gemeinsam Urlaub in Dänemark. „Letztes Jahr waren 23 Leute dabei“, erinnert sich Clemens. Das Zusammengehörigkeitsgefühl der „275er“ geht so weit, dass sie sich ein regelrechtes Battle mit dem ebenfalls zum Großteil von Studenten bewohnten Nachbarhaus liefern – natürlich mit einem Augenzwinkern. Nachdem die Nachbarn die halbe Stadt mit „277“-Stickern „getagged“ hatten, ließ die Antwort der „275er“ nicht lange auf sich warten: Sie entwarfen Mützen mit „ihrer“ Hausnummer als Emblem und tragen diese seitdem nicht nur im Herzen, sondern auch auf dem Kopf.

 In der Küche wird nicht nur gekocht. Sie ist auch eine Art Wohnzimmer


Natürlich soll bei all dieser Harmonie nicht unterschlagen werden, dass es auch Zweck-WGs gibt, die aus monetären Gründen gebildet wurden und bei denen es entweder unter den Bewohnern auf zwischenmenschlicher Ebene nicht passt oder Fragen wie „Wer hat meinen Joghurt aufgegessen?“, „Wer hat das ganze Bier ausgetrunken?“ oder „Warum hast du das Bad nicht geputzt, obwohl du im Putzplan standest?“ für Unmut sorgen. Derlei Probleme hatte Leona in ihren beiden vorherigen WGs. „Alle haben immer von ihren tollen WGs berichtet, aber bei mir war das nicht so“, blickt die Lehramtsstudentin zurück. Über eine Freundin bekam sie das Zimmer im Westring – und will das dortige WG-Leben nicht mehr missen. Das gilt im Übrigen auch für Lenny, der bereits seit 2013 dort lebt und auch nach dem Abschluss seines Studiums keinen Gedanken daran verschwendete auszuziehen. „Ich fühle mich hier richtig wohl“, sagt der Schiffbauer, „und freue mich immer, wenn ich nach Hause komme. Das hier ist wie meine Familie.“ Dem ist in Sachen glückliches WG-Leben nicht mehr viel hinzuzufügen.